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Die Diagnose der Weltgesundheitsorganisation

Der international gültige Forschungsstand zur Legasthenie ist veröffentlicht in der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10, Kapitel V, F) der Weltgesundheitsorganisation.


Im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden alle bekannten Diagnosen in Forschungszentren auf der ganzen Welt überprüft und wissenschaftlich abgesichert. Die Bundesrepublik Deutschland hat diese Diagnosen und die erforderlichen diagnostischen Kriterien anerkannt und als für sich verbindlich übernommen.

In dieser Klassifikation der WHO wird die Legasthenie als eine erhebliche Störung im Aneignungsprozess des Lesens und Schreibens unter der Kapitelüberschrift umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten eingestuft.


Umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten

Die Klassifikation der international bekannten Diagnosen der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) beschreibt die Legasthenie als eine Entwicklungsstörung des Kindesalters. Neben den Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen sowie des Sprechens und der Sprache wird ihr der Platz als dritte große Entwicklungsstörung des Kindesalters zugewiesen.

Folgende Merkmale hält die WHO fest:

  • Eine Legasthenie tritt in der Regel von Beginn der schulischen Lernentwicklung an auf. Dennoch wird sie bei einem Teil der betroffenen Kinder erst während der dritten (oder gar erst vierten Klasse) in ihrem Ausmaß bemerkt, also zu einem Zeitpunkt, wenn die ersten ungeübten Diktate geschrieben werden. Die WHO führt aus, dass sich eine Legasthenie zwischen der 1. und 5. Schulklasse zeigt.

Hier spricht die WHO also implizit eine Warnung aus. Denn nicht selten werden Lernschwierigkeiten als Entwicklungsverzögerungen betrachtet, die sich mit der Zeit auswachsen würden ("das kommt schon noch, das wächst sich aus"), dass kein Anlass zur Beunruhigung gegeben sei. Ob diese Einschätzung tatsächlich stimmt, muss jedoch im Einzelfall gründlich abgeklärt werden.

  • Der Entwicklungsverlauf der Legasthenie zeichnet sich weiterhin dadurch aus, dass er stetig ist. Das bedeutet, dass der Lernprozess nicht zwischen guten und problematischen Phasen hin und her wechselt. Es gibt keine zwischenzeitliche normale Lernentwicklung im Schreiben und/oder im Lesen.
  • Nach den diagnostischen Kriterien der WHO sind die Lernprobleme resistent, d. h. übliche Nachhilfen, auch wenn sie vermehrt gegeben werden, oder das häusliche Üben führen nicht zu einer stabilen Besserung der Lernprobleme.

Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die WHO hier diagnostische Kriterien auslistet. Die Alltagsbeobachtung reicht nicht aus! So kann eine Besserung der Lernprobleme nur testdiagnostisch überprüft werden, denn das Fehlerprofil von Kindern verändert sich, d.h. sie machen nicht immer dieselben Fehler. Auch wenn Eltern beobachten, dass ihr Kind eine bestimmte Fehlerart nicht mehr macht, können andere Unsicherheiten an die Stelle getreten sein, die Eltern in ihrer Gewichtung im Rahmen kindlicher Lernprozesse nur schwer einschätzen können.

  • Oft weisen die aktuellen Lernprobleme eine Vorgeschichte auf. Auffälligkeiten im Erwerb der Sprech- und Sprachfertigkeiten können bei einer Legasthenie in der vorschulischen Entwicklung vorgelegen haben. Selbst subtile Sprachprobleme können noch den Erwerb des Lesens und Schreibens beeinträchtigen.

Lese- und Rechtschreibstörung

Die Diagnoseklassifikation der WHO unterscheidet zwischen der

  • "Lese- und Rechtschreibstörung", was bedeutet, dass die Lernprobleme sich sowohl im Lesen als auch im Schreiben finden, und der
  • "isolierten Rechtschreibstörung", was bedeutet, dass sich die Lernprobleme nur im Schreibenlernen manifestieren, d.h. der Leselernprozess verläuft ohne auffallende Schwierigkeiten. Diese Unterteilung trägt u. a. der Erfahrung Rechnung, dass Störungen des Leselernprozesses weniger andauern als Störungen des Schreiberwerbs.

Hier ist die Information wichtig, dass die Lernprobleme nicht in beiden Lernbereichen auftauchen müssen. Die Aussage z.B., das Kind könne doch ganz gut lesen, deswegen würde keine "Legasthenie" vorliegen, entspricht also nicht dem Forschungsstand.


Legasthenie ist eine spezifische Lernstörung

Sowohl bei der Lese- und Rechtschreibstörung als auch bei der isolierten Rechtschreibstörung handelt es sich nach der Klassifikation der WHO um spezifische Lernstörungen und es wird verlangt, dass das Kriterium der Spezifität diagnostisch einwandfrei nachgewiesen wird.

Dieses Kriterium der Spezifität enthält 2 Grundannahmen:

  1. sog. Normalitätsannahme und
  2. die sog. Diskrepanzannahme.

Was ist damit gemeint?

  1. Die sog. Normalitätsannahme:
    das Kind hat wie die anderen Kinder eine normale Beschulung, also den üblichen Schulunterricht, erhalten und es ist normal begabt. Das bedeutet, dass die Lernprobleme nicht durch eine Intelligenzminderung oder durch mangelnde Gelegenheiten zum Erlernen des Lesens und Schreibens ihre Erklärung finden sollen. Alle Bedingungen für ein erfolgreiches Erlernen des Lesens und Schreibens sind also vorhanden.
  2. Die sog. Diskrepanzannahme:
    damit ist der Unterschied zwischen der Intelligenz des Kindes wie auch die ausreichende Gelegenheit zum Lernen auf der einen Seite und den Leistungen im Bereich Schreiben/Lesen auf der anderen Seite gemeint. Diese Diskrepanz verweist darauf, dass die niederen Lese-/Schreibleistung sich nicht durch eine niedere Intelligenz erklären lassen.

Eine Lese- und Rechtschreibstörung ist also nach den Ausführungen der WHO nicht darauf zurückzuführen, dass das Kind einfach dumm ist. Wer das meint, befindet sich im Irrtum. Dennoch! Welche genervte Mutter ist nicht schon einmal geplatzt: "Ich habe es dir schon 1000 Mal erklärt. Kapierst du das denn nie!?"


Analyse des schriftsprachlichen Entwicklungsprofils

Die diagnostische Erhebung der Diskrepanz zwischen den Leistungen im Schreiben und/oder im Lesen und den Leistungen, wie sie in einem Intelligenztest erhoben werden, reicht nach wissenschaftlichem Erkenntnisstand für eine LRS-Diagnose nicht mehr aus. Die Weltgesundheitsorganisation verlangt inzwischen die Erhebung eines qualitativen "Störungsmusters", d.h. die Ermittlung des individuellen Fehlerprofils. Wir haben dieses wichtige Erfordernis mit unserer Dortmunder RechtschreibfehlerAnalyse, DoRA® von Anfang an als Standard unserer LRS-Diagnostik praktiziert. Denn Kinder lernen unterschiedlich das Lesen und Schreiben, die einen sind schneller, die anderen langsamer. Nur mit Hilfe des fehleranalytisch ermittelten Entwicklungsstandes kann angeben werden, ob die Lernschwierigkeiten noch in die altersübliche Variationen kindlicher Lernentwicklung fallen, wie sie in jedem Lernprozess auftauchen. Der fehleranalytisch ermittelte Entwicklungsstand ist die wichtigste Information, ob der Lernprozess im Lesen und Schreiben nur verzögert verläuft und man abwarten kann, da sich die Probleme noch "auswachsen" werden.

Die Auskunft, dass das Kind mit Lernproblemen wohl ein "Spätzünder" sei und sich die Probleme noch "auswachsen" würden, sollte nicht ohne eine testdiagnostische Überprüfung gegegben werden, sondern muss durch die Ermittlung des schriftsprachlichen Entwicklungsstandes und durch anamnestische Erhebungen fundiert werden.

Die Notwendigkeit der fehleranalytischen Erfassung des Entwicklungsstandes widerlegt die Auffassung des "legasthenietypischen" Rechtschreibfehlers. Es gibt keinen legasthenietypischen Fehler. Gern wird nach der Vertauschung spiegelbildlicher Buchstaben wie b-p, d-g etc. gesucht, um auf schnellem Weg eine "Legasthenie" sicher zu diagnostizieren oder auszuschließen. Es gibt keinen einzigen Rechtschreibfehler, den ausschließlich "Legastheniker" machen würden und andere Lernanfänger nicht.


Psychische Folgen der Legasthenie

Der Schuleintritt ist für jedes Kind eine einschneidende Erfahrung: Das bewusste Lernen rückt in den Mittelpunkt des kindlichen Lebens. Die Erfahrung von Erfolg und Misserfolg formen nun wesentlich das kindliche Selbstbild. Das Erlernen der "Kulturtechniken" des Lesens und Schreibens hat im Erleben der Kinder eine herausragende Bedeutung. Manche Kinder schließen bereits in frühem Schulalter von ihrem spezifischen Lernrückstand auf ihre generelle Unterbegabung ("ich bin dumm", "ich lerne das nie") als ein quasi unbeeinflussbares und stabiles Persönlichkeitsmerkmal. Die sich ständig wiederholenden Selbstwertverletzungen in Verbindung mit dem Schulbesuch können von ihnen oft nur unzureichend kompensiert werden.

Der Teufelskreis des Lernversagens kann typisierend in Anlehnung an verschiedene Erklärungskonzepte der Psychologie wie folgt dargestellt werden:

  • Diese Kinder erleben dauerhaften Misserfolg im Erlernen des Lesens und Schreibens. Bedingt durch dieses Versagen werden unangenehme Gefühle mit Elementen der Lernsituation verknüpft. Das Vorlesen vor der Klasse, die Person des Lehrers oder der Lehrerin, schon das Klassenzimmer oder das Schulheft können bereits Ängste und Minderwertigkeitsgefühle auslösen. Diese werden tagtäglich verstärkt und die Tendenz, die unangenehme Situation vermeiden zu wollen, wächst. Dieses Vermeidungsbedürfnis wird von den Bezugspersonen oft als bloße Unkonzentriertheit oder grundlose Unlust missverstanden. Die sozialen Folgen des Lernversagens (Ausgelachtwerden, Lehrerkommentare, Elternreaktionen) führen zu weiteren negativen Konsequenzen im emotionalen Erleben des Kindes. Je länger und je umfassender solche Prozesse wirken, desto mehr wird auch die Entwicklung allgemeiner positiver Komponenten des Lernens gefährdet: Ausdauer, Reflexivität oder Problemlöseverhalten.
  • Die negative Bewertung seines Leistungsverhaltens durch die Umwelt ("du brauchst immer so lange", "du konzentrierst dich nicht genug", "du merkst dir einfach nicht, wie man das Wort schreiben muss") übernimmt das Kind in sein Selbstkonzept: Es entwickelt eine negative Selbstbewertung. Diese löst sich schließlich von der Situation ab, in der sie herausgebildet wurde, habitualisiert sich und wird zum Bestandteil des sich entwickelnden Selbstbildes, das auch durch dem Misserfolgserleben widersprechende Einzelerfahrungen nicht mehr korrigiert wird: Positive Leistungen, z.B. Rechtschreibfehler aufzufinden, werden kognitiv als weiterer Beleg des Misserfolgs gewertet und verarbeitet ("mir unterlaufen immer Fehler").
  • Die negativen Selbstbewertungen wirken als "sich selbst erfüllende Prophezeiungen": Das Kind erwartet den Misserfolg und wird insgesamt misserfolgsorientiert. Aufgaben werden nicht mehr angegangen, da man sie "eh nicht kann" mit der Folge, dass sich die Lerndefizite weiter vergrößern und sich die negative Selbstsicht verfestigt.

Als Folge können sich mit der Zeit Angst und Vermeidungsreaktionen verschiedener Art herausbilden:

  • Angst und depressive Verstimmungen (Prüfungsängstlichkeit, soziale Angst und Isolation, Minderwertigkeitskomplexe, Selbstverurteilungen)
  • psychosomatische Symptome (Schlaflosigkeit, Durchfall, Kopf- und Bauchschmerzen im Kontext von Leistungsanforderungen)
  • Aufmerksamkeitsdefizite (inneres "Aussteigen", Unkonzentriertheit, gedankliche Unbeweglichkeit, Müdigkeit, Unlust)
  • Kompensationsverhalten zur Abwehr der Selbstwahrnehmung als Versager (externes Attribuieren von Misserfolg; Klagen über Lehrer, sie ungerecht zu beurteilen; Demonstration von Gelangweiltsein/von Kompetenz; Angebertum)
  • oppositionelles Trotzverhalten (Lernverweigerung, Trotz, Störverhalten in der Klasse, kompensatorische Clownerien, Geschwisterrivalität, Konflikte mit Gleichaltrigen, konfliktbelastetes Üben mit den Eltern).
  • Aus der Wechselwirkung von Lernversagen und den Folgen in Emotionalität und Verhalten kann der Kreislauf einer emotionalen Lern- und Leistungsstörung entstehen. Je nach den individuell zur Verfügung stehenden Verarbeitungsmechanismen, kann sich eine psychoreaktive Sekundärsymptomatik unterschiedlicher Akzentuierung und Ausprägung entwickeln.

Eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung ist deshalb nicht nur für den Schulerfolg wichtig, sondern hilft auch, das Entstehen dieser sog. "Sekundärsymptomatik der Legasthenie" zu verhindern.


 


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